ein Aufsatz in der Reihe Reflexionen

29. Dezember 2022

Mit meinem gesamten Verstehen, mit meiner gesamten Vernunft, komme ich nur bis zu einem gewissen Bereich. Da endet die Wissenschaft, endet die Sicherheit, die aus dem Konsens vieler Wissenden kommt.

Jenseits des gemeinsamen Wissens bin ich zunehmend auf mich alleine gestellt. Hier kann ich mich zunehmend nur noch auf meine Maschine des Wahrnehmens, der kritischen Interpretation, und des schliesslichen Verstehens stützen. Auf eine Maschine, die ich im noch sicheren Bereich geschaffen und geformt habe, eine Maschine, die über mein Wissen und Verstehen hinaus geht, die mein gesamtes Wesen umfasst.

Dieses Wesen zu schaffen, zu formen, und immer weiter zu kultivieren, das ist die notwendige Vorbereitung für den Weg jenseits des Gewöhnlichen. Dieses sich immer weiter verfeinernde und immer umfassendere Wesen, das schliesslich aus der Welt des Wissens, des Verstehens, der Vernunft heraus tritt und sich immer tiefer hinein in die Wolke des Nichtwissens entfaltet.

Dämmerung, der weite Bereich zwischen der objektiven Sicherheit und der Unsicherheit, der Gefahr meiner subjektiven Welt, der Übergang von Sehen zu Nichtsehen, von Wissen zu Nichtwissen. Der Bereich, in dem meine gewöhnlichen Augen zunehmend hilflos werden, mein gewöhnliches Wissen zu einem immer kleineren Fleck schrumpft. Schatten und Lichter gewinnen hier an Bedeutung. Zum einen aus sich heraus, weil sie eine Ursache haben, eine die ich nicht klar sehe, die für mich aber wichtig sein kann. Bedeutung gewinnen sie aber auch aus mir heraus, aus meinen Erinnerungen, meinen Ängsten, meinen Erfahrungen, auch meinen Überzeugungen, Glaubenssätze und Projektionen. All diese Facetten sind da, tief in mir, und ich bin mir ihrer meist kaum bewusst.

Hier, beim Einschätzen der Ursachen der erkannten Schatten und Lichter, hilft mein fein und weit entwickeltes Wesen. Hier, wo „Dunkel ist Böse und Gefahr“ und „Licht ist Gut und Erlösung“ bedeutungslose Phrasen sind.

Dämmerung und ihre Bedeutung, ihre Gefahr und zugleich wundersame Schönheit, ich erfahre sie leicht in der physischen Welt. Wenn ich, nachdem die Sonne untergegangen ist, bei einem Waldspaziergang im unebenen Gelände den schmalen und sich schlängelnden Weg zwischen Büschen und Bäumen finden muss. Ein Weg, auf dem der nächste Tritt manchmal im Schatten liegt, während ihn mir der fahle Schein der Sterne im Hellen einer Schräge vorgaukelt. Und manche Schatten bewegen sich: ist das eine meiner Katzen, oder der Fuchs, oder eine Störung meiner Wahrnehmung am Rande des Sehens?

Dämmerung ist auch in der geistigen Welt. Schatten und Lichter kommen hier von den Wörtern, Bildern, Gesängen, und Tänzen derer, die vor mir hier waren, die vielleicht auch mit mir sind. Jene, deren Wesen feiner war, weiter schauen konnte, die sich vielleicht auch weiter vorwagten, die sich manchmal auch schrecklich täuschten, jenseits des Gewöhnlichen die Orientierung verloren. Jene, die versuchten das Geschaute zu fassen, es für andere in eine Form zu bringen, die wiederum sie fassen können.

Ob das von Jenen Geschaute wahr ist oder nicht, ob ich die übertragene Form entschlüsseln kann oder nicht, das wissen sie nicht, das weiss ich nicht. Inspirationen auf dem Weg durch die Dämmerung in die Wolke des Nichtwissens vor dem undurchdringlichen Dunkel des Ungeformten, des Nichtseins. Schatten und Lichter, die Türen zeigen und Wege, einige für mich, andere für dich, wieder andere Versuchungen, gar Abgrund. Unterwegs im Unsicheren, dabei immer feiner die Fähigkeit entwickeln im Dunkel neu zu sehen, den Weg zu formen, das Wunderbare zu schauen, zu schaffen.