ein Aufsatz in der Reihe ONE Konzepte
1. Dezember 2022

Meditation zielt auf einen langanhaltenden Zustand grösster geistiger Klarheit in emotionaler Ausgeglichenheit und körperlicher Ruhe. Meditative Techniken sind früh und in allen Kulturen entstanden, werden gewöhnlich mit Mystik und religiöser Praxis assoziiert, reichen aber weit darüber hinaus. So verschieden und vielfältig diese Techniken auch sind, folgen sie doch dem gleichen Weg: Körper, Emotionen, und Geist zur Ruhe kommen lassen. In dieser Ruhe öffnet sich meine Sicht auf die grössere Umgebung meiner gewöhnlichen Welt. Viel später beginnt sich dann auch die Welt jenseits meines Gewöhnlichen zu öffnen.

Was ist Meditation?

Meditation umfasst Techniken um einen konsistenten Freiraum in meinem aufgeregten und weitgehend mechanischen Sein zu schaffen und darin meine Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu verfeinern und zu vertiefen.

Warum muss ich mir einen Freiraum schaffen? Ich habe ja einen freien Willen, und damit einen Freiraum, der natürlich verfügbar ist, auch ohne spezielle Techniken und Übungen. Ohne weitere Bildung und Anstrengung ist dieser allerdings klein und kurzlebig. Bereits eine kurze Beobachtung zeigt, dass sich der Fokus meines freien Willens sehr schnell ändern kann, und dies meist jenseits meiner gewöhnlichen Kontrolle. Ursache dafür kann eine plötzliche Idee sein, eine Nachricht, eine Begegnung, ein Blick gar. Damit zerfällt mein bewusstes Tun in eine Abfolge von Mosaikteilchen, die zu unterschiedlichsten Bildern gehören. Irgendwann muss ich dann alle sammeln, die zu einem Bild gehören, und dieses zusammensetzen. Das schaffe ich nur manchmal bevor eine neue Welle von Herausforderungen über mich hereinbricht und ich das ganze Thema fahren lassen muss. Je grösser der konsistente Freiraum aber ist, desto grösser sind auch die Mosaikteile, desto schneller ist das Bild zusammengesetzt. Entsprechend Grösseres und Tieferes kann ich damit erfassen, verstehen, und tun.

Diese Situation ist allgemein, betrifft nicht nur mich, sondern alle, einschliesslich unterschiedlichster Gruppen bis hin zu unserer Gesellschaft als Ganzes.

Ziel der Meditation ist ein langanhaltender Zustand grösster geistiger Klarheit in emotionaler Ausgeglichenheit und körperlicher Ruhe.

Meditative Techniken sind in allen Kulturen entstanden und haben Wurzeln, die Jahrtausende zurück reichen. Daraus sind eine Vielzahl von Formen hervorgegangen, die mit der kulturellen Entfaltung immer weiter transformiert und diversifiziert werden, teils auch neu entstehen.

Analog zu andern Fähigkeiten, die wir nicht von Geburt auf haben, vom aufrechten Gang bis zu Lesen und Schreiben, gibt es auch hier die Phasen lernen, üben, nutzen. Sie alle werden als „Meditation“ bezeichnet. Wie auch die andern Fähigkeiten ist Meditation nicht Selbstzweck, sondern Instrument um etwas tun zu können.

Viele sehen Meditation im Zusammenhang mit Mystik oder religiöser Praxis. Bereits ihre historischen Wurzeln sind aber viel breiter. Sie reichen von kultureller Verfeinerung wie Teezeremonie oder Kalligraphie bis zu Kampfkünsten. Natürlich schliessen sie Mystik und Religion auch gewichtig mit ein. Über die vergangenen Jahrzehnte fanden meditative Techniken schliesslich eine enorme Verbreitung bis tief hinein in Psychologie und Medizin, letztlich in alle Bereiche, die zu kompliziert sind um sie mit einfachen rationalen Methoden direkt kontrollieren zu können.

Warum Meditation?

Die Tatsache, dass meditative Techniken früh und in allen Kulturen entstanden sind, zeigt, dass mit ihnen evolutionäre Vorteile verbunden sind.

Man kann darüber spekulieren, woher solche Vorteile ursprünglich kamen. Ein Aspekt sind sicher religiöse Vorstellungen, die durch Meditation verstärkt werden, die zu immer umfassenderer sozialer Kooperation führten, und damit zur Bildung stabiler Gruppen. Ein anderer ist eine insgesamt höhere Effizienz von meditierenden Menschen, die sich aus einer stärker ausgebildeten Fähigkeit zu Fokussierung und Konzentration ergibt. Beide Aspekte werden evolutionär wirksam, wenn sich Menschen überwiegend in Umgebungen bewegen, die zu kompliziert sind um sie tief erfassen und verstehen zu können. In dieser Situation garantieren sowohl soziale Gruppen als auch effizientere Individuen eine tiefere Wahrnehmung und damit eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit.

Tatsächlich leben wir in einer Welt, die sowohl physisch als auch sozial enorm kompliziert ist, eine Welt, die wir in Ausschnitten verstehen, deren Gesamtheit unsere Möglichkeiten aber unvorstellbar weit übersteigt. Dies gilt für mich, aber auch für die Menschheit als Ganzes.

überfordert

Alles was du je gehört, gesehen, oder gewusst hast, ist noch nicht einmal der Anfang dessen, was du wissen musst.

Farid ud-Din Attar, um 1200, The Conference of the Birds

Die Überforderung durch mein eigenes Wesen, mehr noch durch meine Einbettung in eine komplizierte Umwelt, das ist nichts Neues, war schon immer so, und wird immer so bleiben. Sie ist mit der Natur bewussten Lebens untrennbar verbunden. Ich selbst bin für mich bereits unergründlich. Jedes andere Wesen schafft eine neue Unergründlichkeit, es und ich zusammen eine noch viel tiefere.

Schnell laufen einige Situationen von zunehmender Kompliziertheit durch meinen Geist: Was soll ich essen, von welcher Qualität und welchem Ursprung, welchen ökologischen und sozialen Fussabdruck bin ich dabei bereit zu hinterlassen, und zu verantworten? Wohin, wann, und warum will ich reisen, für welche Erlebnisse und Erfahrungen im fremden physischen, sozialen und kulturellen Umfeld, und wieder mein Fussabdruck. Wie befördere ich für mich eine stetige Entwicklung, auf welchem Hintergrund, in welche Richtungen, und warum eigentlich?

Offensichtlich:

Dieses notwendige Mehr an Wissen, noch wichtiger das Mehr an Verstehen, ich werde es nie gewinnen können, wir werden es nie gewinnen können,… und das ist normal, war immer so und wird immer so sein.

heute anders

Das Verstehen-Müssen ist heute ein ganz Anderes als gestern, und wird morgen wieder ein ganz Anderes sein. Der Grund dafür: die Welt geht in unserer Zeit durch eine fundamentale Transformation.

Vor unserer Zeit bestimmten unveränderliche physische Gesetze den Lauf der Welt. Die Menschheit bestand aus kleinen und ziemlich unbedeutenden Grüppchen, die sich in einer praktisch grenzenlosen Umwelt bewegten. Diese Umwelt bestimmte, ihren eigenen und unveränderlichen Gesetzen folgend, das Leben der Grüppchen.

In unserer Zeit ist die Menschheit zu einer ökologisch global dominanten Spezies geworden, die, zusammen mit den von ihr kontrollierten Pflanzen und Tieren, den grössten Teil des Lebens auf unserem Planeten bestimmt. Damit, und ermöglicht durch unsere moderne technologische Entwicklung, ist unsere Gesellschaft zu einem wichtigen Faktor auch der unbelebten Welt geworden. In wichtigen Bereichen bestimmt sie den Lauf der Welt bereits wesentlich, zuvorderst beim Klima.

Der Lauf der Welt in unserer Zeit wird nicht mehr ausschliesslich durch unveränderliche physische Gesetze bestimmt, sondern zunehmendem auch durch unsere sich rasant ändernde Gesellschaft.

Mit dem Übergang zu einer globalen Dominanz geht eine Verantwortung für das Ganze einher. Diese lastet natürlich nicht alleine auf meinen Schultern. Ich muss aber die grosse Situation doch soweit wahrnehmen und verstehen, dass ich meinen Teil erkennen, tragen, und verantworten kann. Selbst wenn mein Altruismus nicht derart weit reicht, muss ich die Welt und ihre Transformation noch immer soweit verstehen, dass ich meinen Weg selbstbestimmt gehen kann, nicht nur passiv von der rasenden Entwicklung getrieben werde.

Die im Vergleich zur alten Welt dramatisch grössere Kompliziertheit und Gefährlichkeit unserer Zeit ist leider nicht die ganze Herausforderung. Hinzu kommt, dass die Zeitintervalle über die wir ein Thema kontinuierlich verfolgen können, stark abgenommen haben. Natürlich ist dies zuerst eine Folge der grösseren Zahl von Themen, die zudem immer komplexer werden. Hinzu kommt aber als weiterer gewichtiger Aspekt, dass der „soziale Lärm“ enorm zugenommen hat. Solchen Lärm erzeugen Mikroinformationen in sozialen Kanälen (vom alten Biertisch bis zum gegenwärtigen TikTok), in klassischen Medien (von gedruckten Zeitungen und Fernsehen bis zu ihren online Angeboten), aber auch in Werbetafeln, Klängen, und Gerüchen, die zunehmend den urbanen Raum füllen. Solche Mikroinformationen bringen fast nie nützliches Verständnis, sind aber manchmal eben doch wichtig.

Eine sehr viel höhere Komplexität von fundamental wichtigen Situationen zusammen mit immer kürzeren Zeitintervallen um sie wahrzunehmen, zu verstehen, zu werten, und schliesslich zu handeln, diese Herausforderung und Überforderung besteht nicht nur für jede einzelne Person, sondern auch für alle Gruppen, für unserer ganze Gesellschaft. Immer grössere Themenkomplexe rollen in immer kürzeren Abständen auf uns zu und kaum je, wenn überhaupt, bleibt die Zeit sie tiefer wahrzunehmen und zu verstehen, geschweige denn eine Entwicklung zu wählen und diese umzusetzen. Pandemien, Globalisierung, synthetische Biologie, Wandel unserer physischen und sozialen Umwelt, Transformation unserer Welt durch Automatisierung und künstliche Intelligenz blitzen zur Illustration kurz auf.

Raum für Ruhe

Offensichtlich werde ich nie den Überblick über die Welt gewinnen können, in der mein Leben sich entwickelt, ein Überblick, der notwendig wäre um meine Wege zu wählen und zu gehen. Die Welt ist zu kompliziert. Dies ist die Natur der Evolution, die das Leben hervorgebracht hat, und die es immer weiter spinnt.

Mit dieser Einsicht werde ich nicht versuchen immer schneller in meinem Hamsterrad zu rennen. Es wird nie schnell genug sein können! Vielmehr werde ich immer wieder aus ihm ausbrechen und einen Raum der Ruhe schaffen. Einen Raum, aus dem ich den sozialen Lärm ausschliesse, in dem ich den innerer Lärm meiner Gedanken und Emotionen möglichst dämpfe.

In diesem Raum werde ich unweigerlich auch immer wieder tiefe Fragen berühren: wer bin ich? warum lebe ich? was ist jenseits, auch jenseits meines Todes? ist da überhaupt etwas? Gott? … und viele andere mehr. Fragen, die völlig unproduktiv scheinen, weil es zwar tiefe Fragen, aber keine tiefen Antworten gibt. Diese Fragen sind vielmehr Spiegel und zugleich Wegweiser. Sie helfen mir, mich in einem Grösseren zu verankern.

Das wird nie fest sein, weder das Grössere noch meine Verankerung in ihm. Wandern im Gebirge beschreibt die Situation ganz gut. Die Sicherheit in der grösseren Unsicherheit ist endloser Antrieb und Inspiration. Im Austausch mit meinem Innersten, meinem Kern, in diesem Tanz formt sich meine Persönlichkeit, lüften sich meine egoistischen und soziokulturellen Schleier, tritt das Grössere immer deutlicher hinter dem gewöhnlichen Verständnis hervor.

Das Grössere schauend kann ich meine Wege wählen, kann sie dann – zurück im Hamsterrad – entwickeln und gehen.

Techniken der Meditation

Das Ziel der Meditation ist ein langanhaltender Zustand grösster geistiger Klarheit in emotionaler Ausgeglichenheit und körperlicher Ruhe. Um dieses zu erreichen gibt es eine Vielzahl von Techniken und eine noch viel grössere Zahl von Schulen, Büchern, oder Videos, die solche Techniken vermitteln. Der Weg ist dabei im Wesentlichen immer der gleiche, wobei die Details aber wieder in einem weiten Spektrum variieren.

ruhender Körper

Zuerst lasse ich meinen Körper möglichst viel bewusste Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und dann zur Ruhe kommen. Dies geht oft über eine konzentrierte und unbewegte Haltung, die während der Zeit der Meditation beibehalten wird. Eine solche Haltung kann ein formaler Lotussitz sein, aber auch schlichtes aufrecht Sitzen auf meinem Bürostuhl. Auch ruhige, oft rhythmische Bewegungen können zum Ziel „Ruhe aus Aufmerksamkeit“ führen. Beispiele sind das formale Kinhin, die Meditation im Gehen in der Zen Praxis, aber auch das formlose Spazieren auf einem Waldweg oder der Tanz der Mevlevi Derwische.

Ob still sitzend oder ruhig bewegend, das ist nicht so wichtig. Auch in meiner grössten Ruhe ist immer Bewegung: mein Atmen, mein Herzschlag. Wichtig ist, dass ich mir meiner Haltung und Bewegungen sorgfältig bewusst bin, bewusst bis sie leise in den Hintergrund verschwinden, der Körper seinen Raum der Aufmerksamkeit frei gibt.

ruhende Emotionen

Ähnlich wie den Körper, lasse ich auch meine Emotionen zur Ruhe kommen, lasse sie den von ihnen eingenommenen Raum der Aufmerksamkeit frei geben. Dies ist allerdings schwieriger, weil sie viel weniger zu kontrollieren als die oberflächlichen Schichten meines Körpers. Ein direktes Unterdrücken funktioniert nicht, insbesondere dann nicht wenn ich in einem aufgewühlten Zustand bin. Gewöhnlich kann ich mich aber für die Zeit der Meditation auf eine starke und positiv besetzte Emotion konzentrieren, die den Raum meiner ursprünglichen Emotionen einnimmt. Diese kann aus der Vorstellung von mich einbettendem reinem Licht hervor treten, von tiefer Geborgenheit, von umfassender Liebe und von anderem mehr, aber auch aus der Vorstellung eines tiefen Seins, in dem sich alle Formen auflösen.

Ich lasse mich völlig in dem sich einstellenden Gefühl versinken, gehe in ihm auf,… und lasse es dann wiederum langsam in den Hintergrund treten, während ich bleibe.

ruhender Geist

Der schwierigste Bereich ist mein bewusster Geist mit seinem unablässigen Strom von Wörtern, Bildern und Gedanken, der allen verfügbaren Freiraum sofort ausfüllt. Das ist die gewöhnliche Natur meines Geistes, der in seiner Überforderung das Hamsterrad immer schneller zu drehen sucht. Direkt unterdrücken lassen sich Gedanken tatsächlich noch viel weniger als Emotionen. Sie sind von viel fluider Natur.

Ein Weg ist, dass ich mich zuerst überzeuge, dass ich während der Zeit der Meditation nichts an meinen drängenden Aufgaben voran bringen kann oder will. Für den nächsten Schritt kann mir eine Visualisierung helfen: Die immer von neuem aufkommenden Gedanken sind dabei Wellen auf einem grossen See, in dem sich der Vollmond spiegelt. Die Wellen werden vom Wind meiner Aufmerksamkeit getrieben, wachsen mit ihr, verschwinden in der Windstille langsam: klarer Mond. In einer andern Visualisierung sind die Gedanken Personen, die die Aufmerksamkeit des Königs – meines grösseren Ichs – zu gewinnen suchen. Dieser schaut ihrem Treiben liebevoll zu, versteht ihre Beweggründe, öffnet sich aber zum Grösseren. Es gibt eine Unzahl weiterer solcher Visualisierungen als Einstieg in eine Meditation. Einige sind in hier in Ausgangspunkten zusammengestellt.

aus der Ruhe heraus…

Den inneren Lärm zu reduzieren ist schwierig und erfordert viel Übung. Erste Erfolge stellen sich aber schnell ein. Bis ich dann auch in schwierigsten und aufwühlendsten Situationen eine tiefe Ruhe zu finden beginne, und eine Sicht, die in Sphären weit jenseits meines Gewöhnlichen vordringt, bis dahin ist es ein langer und herausfordernder Weg, der mich tief verändern wird.

Auf einem ersten Abschnitt öffnet mir die Ruhe den Blick auf die grössere Umgebung meiner aktuellen gewöhnlichen Welt, auf mich und meine Möglichkeiten in dieser Umgebung, und über sie hinaus. Wichtiges beginnt sich von Unwichtigem zu unterscheiden, Neues aus Alten hervorzutreten, mögliche grosse Wege formen sich. Diese ruhige Klarheit wird zur Quelle meines Bewusstseins, meiner selbst, zur Quelle von Inspiration und tiefem Verstehen. Aus der Ruhe der Meditation wieder heraustretend, kann ich neu tun… bewusst, kraftvoll, auf ein Ziel gerichtet.

In einem viel späteren Abschnitt des Weges beginnt sich in der nun tieferen Ruhe und Stille die Welt jenseits meines Gewöhnlichen zu öffnen. Die im eigentlichen Sinne mystische Welt, die geheimnisvoll ist, weil sie sich jenseits von Wörtern, Bildern, oder Ideen erstreckt, weil sie in dieser Urform nur mir und nur meiner Erfahrung zugänglich ist, weil ich sie nicht einfach mit dir teilen kann… und du die deine nicht mit mir.