Kurt Roth-Fauchère

Du meditierst bereits täglich, spürst nun aber die Notwendigkeit, einen Schritt weiter zu gehen. Ein Vorschlag: Einkehr, dich für einige Tage aus deinem gewöhnlichen, lärmigen Leben zurückziehen. Still, einfach, und konzentriert im Moment sein. In dich gekehrt und aus dir heraus schaffen, einem feinen Wind gleich durch deine Welt, deine Vorstellungen ziehen, dabei immer tiefere Schichten berühren.

Ich ziehe mich einmal im Monat für jeweils drei Tage zurück. Dies ist immer eine anstrengende und auch persönlich herausfordernde Zeit, die mich auch darüber hinaus noch ziemlich beschäftigt, und inspiriert. Bereits ein oder zwei Einkehren pro Jahr tragen aber schon weit, helfen dir, deine täglichen kurzen Meditationen zusammenzuführen.

Meine Erfahrungen und Gedanken inspirieren dich vielleicht bei der Gestaltung deiner Einkehr. Ein Leitfaden ist das aber nicht. Einkehr benötigt keine bestimmte Form oder Umgebung. Sie akzeptiert auch keine konkret vorgegebenen Ziele, sondern entfaltet sich jedes Mal neu.

was passiert dabei?

Wie bei jeder Meditation begegne ich in der Einkehr zuerst einmal mir selbst, meinen Egos, Kulissen und Schleiern. Ich bin eben bewusst in meiner Welt. Durch dieses „bewusst sein“ über die gesamte Zeit der Einkehr wird die Begegnung aber sehr viel intensiver, unausweichlicher, und es wird notwendig schmale Grate zu erkunden, schliesslich zu überqueren.

Diese intensiven Begegnungen, gar Konfrontationen, und Erkundungen sind wichtige und sehr persönliche Stationen auf dem spirituellen Weg. Sie lassen mich mein wirkliches Wesen immer tiefer und umfassender erkennen – und akzeptieren! –, womit es sich Schritt um Schritt befreien kann.

Umgebung

Während der Einkehr will ich von meiner gewöhnlichen Umgebung, meinem gewöhnlichen Leben möglichst isoliert sein.

Zu Beginn ziehst du dich vielleicht bei dir zuhause zurück, wenn du dafür einen abgetrennten Raum hast, in dem du ungestört bist. Das braucht natürlich etwas Absprache und gegenseitige Toleranz. Die erreichbare Intensität ist dabei vielleicht geringer, weil die Störungen und Ablenkungen grösser sind. Kommst du allerdings über sie hinweg, so öffnen sie manchmal auch unerwartete Türen. Der Vorteil, und die Versuchung, der Einkehr zuhause ist, dass du sie leicht abbrechen kannst, wenn es dir zu viel wird.

Fühlst du dich bereits sicherer bei deiner Einkehr, kannst du dir vielleicht ein Zimmer in einer ruhigen Unterkunft nehmen, wo du zusätzlich noch versorgt wirst. Damit hast du gleichzeitig etwas mehr Freiraum und, durch die ungewohnte Umgebung, mehr Inspiration und weniger Ablenkung.

Für die intensivste Einkehr ziehst du dich am besten in eine abgelegene und weite Landschaft zurück, ein Wald, am Meer, in der Wüste, in den Bergen,…, was auch immer dich tief anspricht. Vielleicht findest du dafür eine kleine Hütte oder stellst dein Zelt irgendwo auf. Vielleicht wanderst du gar die ganze Zeit, nicht als sportliche Leistung, nicht als touristischen Ausflug, sondern weil du deinen spirituellen Weg tief bewusst in der Welt gehst. Das Eine Spiegel des Andern.

Schliesslich, seid ihr mehrere Personen, die sich gemeinsam zurückziehen, sollte doch jede Person einen Raum für sich haben. Das notwendige gewöhnliche Leben (kochen, essen, putzen) solltet ihr möglichst schweigend miteinander teilen. Es geht hier um die Einkehr bei mir.
Gemeinsame Meditationen und bewusstes Sein haben auch eine wichtige Funktion, aber eine andere.

Meine eigene Einkehr mache ich im Winter hier zuhause, ebenso bei schlechtem Wetter. Ist das Wetter gut und hinreichend warm, bin ich auf abgelegenen Wegen unterwegs. „Das geht aber auch bei schlechtem Wetter und Kälte“, sagst du vielleicht. Ja, klar. Nur, es ist nicht Ziel der Einkehr zu demonstrieren, dass ich den Elementen trotzen kann. Ziel ist, auf meinem spirituellen Weg voranzukommen. Bin ich dann einmal weit genug, dann werde ich mit den Elementen tanzen – mit, nicht gegen. Da bin ich aber noch nicht.

Tagesablauf

Es ist hilfreich einen Tagesablauf vorzugeben. Dieser soll vom gewöhnlichen Ablauf deutlich abweichen, um Automatismen etwas zu öffnen und damit Freiraum für Neues zu schaffen.

In meiner eigenen Einkehr beginnt der Tag um 4 Uhr mit der ersten Morgenmeditation und endet um 22 Uhr nach der letzten Abendmeditation. Über den Tag verteilt sind 4…6 Stunden Meditation, kürzere von 30 Minuten und längere von einer Stunde. Eine Meditation dauert aber so lange wie sie dauert. Ich bleibe so lange, bis ich spüre, dass sie beendet ist. Das kann nach 10 Minuten oder nach 2 Stunden sein, auch wenn im Zeitplan dafür 30 Minuten vorgesehen sind.

Daneben gibt es drei Mahlzeiten, mit den zugehörigen Arbeiten. Die restliche Zeit nutze ich wie es gerade kommt: spazieren, schreiben,…, dösend nichts tun, und auch schlafen. Dabei lasse ich mich von Themen leiten, die in der Meditation hoch kommen, die mich in der Natur unvermittelt berühren, und von Bedürfnissen meines Körpers. Alles, was primär in mir und aus mir heraus ist, hat in der freien Zeit Raum. Nicht hilfreich sind dagegen intellektuelle Analysen irgendwelcher Art, emotionale Feuer jedweder Couleur, Musik oder Lesen zur Ablenkung, und natürlich irgendwelche Aktivitäten im Internet.

Herausforderungen

Die Herausforderungen einer Einkehr, sind nicht grundsätzlich verschieden von denen einer täglichen Meditation. Durch die höhere Intensität der Konzentration und Meditation können sie allerdings viel grösser werden.

Erwartungen und Druck

Ein vorgegebener Zeitplan ist nicht etwas, was „abzuarbeiten“ und „zu erfüllen“ ist. Es ist vielmehr eine Leitlinie. So ist die erste Meditation am Morgen zwar auf 4 Uhr angesetzt, aber ich wache vielleicht bereits um 3 oder gar um 2 Uhr auf und fühle mich wach. Dann stehe ich eben auf, spüle den Mund mit etwas Wasser, und setze mich zur Meditation hin.

Bin ich dagegen noch sehr müde, wenn der Wecker kurz vor 4 Uhr klingelt, gebe ich mir etwas zusätzliche Zeit, vielleicht 30′, stehe dann aber wirklich auf, spüle den Mund, und beginne die Meditation. Auch wenn ich müde bin, kann die Meditation zu plötzlichen Durchbrüchen führen. Sie kann aber auch einfach meine Energie verbrennen und meinen Weg blockieren – schmaler Grat.

Dieses Spannungsfeld zwischen „wollen“ und „können“ zu erfahren, die Fluidität dieser beiden Begriffe, vielleicht auch den Tumult, den das in meinem Körper und Geist auslöst, ist ein wichtiger Aspekt ungewöhnlicher Meditationszeiten. Wiederum, es gibt nichts zu zeigen, durchzusetzen, oder zu erreichen. Es geht darum, den schmalen Weg so weit wie möglich zu erkunden, zu spüren „wenn es jetzt nicht mehr weiter geht“, und leicht und gleichmütig loszulassen… um ein nächstes Mal wieder frei zurückkommen zu können.

Eine ähnliche Situation tritt auf, wenn ich emotional angeregt bin – verärgert, frustriert, überschäumend freudig,… –, was in der Einkehr alles leicht auftreten kann. Auch aus solchen Zuständen heraus kann sich unerwartet etwas öffnen, oder ich kann eben auch völlig blockiert werden. Wieder: schmaler Grat – erkunden, spüren wenn es genug ist, gleichmütig loslassen.

Erwartungen und Druck sind in der Einkehr völlig nutzlos, tatsächlich kontraproduktiv. Das ist eine Erfahrung, die uns auf dem spirituellen Weg immer wieder begegnet.

lange Meditationen

Meditationen von einer Stunde und länger können auch eine körperliche Belastung sein. Ich unterbreche daher nach 30…45 Minuten das Sitzen für 5 Minuten Meditation in Bewegung. Das können Bewegungen sein, die von Qi Gong, Tai Ji, und ähnlichen Linien inspiriert sind, sowohl im Sitzen wie im Stehen, aber auch langsames konzentriertes Gehen wie Kinhin. Dazu können tiefe Verneigungen kommen, wieder im Sitzen oder im Stehen, die, neben tieferen Bedeutungen, die ich ihnen gebe, auch erlauben den Körper zu lockern. Achte diese körperlichen Aspekte nicht gering: wir sind umfassende Wesen!

Solche körperlichen Übungen, immer im Bewusstsein der Meditation, helfen auch, wenn sich Schmerzen irgendwelcher Art entwickeln. Diese sind oft ein Zeichen einer verkrampften Haltung, die wiederum auf eine innere Erstarrung zeigt. Diese auf der körperlichen Ebene zu lösen kann einfacher sein als auf der Ebene, aus der sie tatsächlich hervorgeht.

Schliesslich sind Bewegungen auch ein Weg um rasch in die Konzentration der Meditation kommen. Unser Körper ist eben ein effizienter Kommunikationsweg mit unserem Geist.

Gedanken, Gefühle entfachen Feuer

In der Meditation kommen unweigerlich Gedanken und Gefühle hoch. Die meisten nehme ich wahr, ohne dass sie mich weiter berühren. Einige sind aber hartnäckig anziehend, haben vielleicht einen Bezug zu meiner Einkehr oder berühren tiefe Schichten, erhebende ebenso wie bedrückende. Sie beginnen jedenfalls meine Konzentration zu stören, und sie sind zu stark, als dass ich sie einfach loslassen könnte. Ich bezeichne sie als „Feuer“.

Diese Feuer notiere ich unmittelbar in der Meditation in einer kurzen Sprachnotiz auf dem Smartphone, das neben mir liegt. Damit kann ich sie dann loszulassen, auch die Erinnerung an sie. Wichtig ist, das Feuer mit der Notiz nicht noch anzufachen. Ein kurzer Hinweis reicht, um es mir später wieder in Erinnerung zu rufen.

Solche Feuer sind wichtige Fenster auf mein wahres Wesen, ob ich das unmittelbar wahrhaben mag oder nicht. Ich führe daher bereits während der Einkehr ein knappes Journal, in dem ich sie und andere Wahrnehmungen notiere, auch solche ausserhalb der Meditation. Das aufzuschreiben hilft mir, zusätzliche Aspekte, die mir vielleicht im Moment nicht bewusst wurden, zu erinnern und festzuhalten. Dabei achte ich darauf, nicht in Interpretationen oder Analysen zu versinken, gar die Themen irgendwo zu recherchieren beginnen. All das schafft Strukturen in meiner Welt, die in die Meditation überspringen können und damit Neues blockieren. Einkehr ist sein und gleichmütig wahrnehmen. Alles andere kann danach folgen.

Voraussetzungen

Eine Einkehr solltest du erst in Betracht ziehen, wenn du bereits ziemlich viel Erfahrung mit täglicher Meditation hast und das Bedürfnis spürst, diesen Weg für dich zu vertiefen. „Erfahrung“ heisst,

  • dass du auch längere Zeit (eine Stunde und mehr) ohne körperliche Schmerzen „sitzen“ kannst, und
  • dass du bereits hinreichend „mit dir bekannt“ bist, also zumindest deine oberflächlichen Egos und Kulissen bereits gut kennst.

Machst du eine Einkehr ohne hinreichende Erfahrung, besteht die Gefahr, dass du deine Egos mit ihren Kulissen zementierst, gar noch einige neue mit dazu erschaffst. Damit verstellst du dir den eigentlichen Weg, vielleicht für immer, statt ihn zu öffnen.

Um solche Erfahrung zu gewinnen, findest du in deiner Nähe sicher entsprechende Gruppen, z.B. für Zen-Meditation, Qi Gong, Tai Ji,…, aber auch für christliche und weitere Meditation, was auch immer dich anzieht. Vielleicht hilft dir auch die Einführung am Anfang, sowie die Übungen zum Ausgangspunkt und unterwegs.